Das Waffenarsenal der Notenbanken

Bei der Berichterstattung über das Eingreifen der Notenbanken und manchmal auch von Regierungen und Parlamenten wird seit der Finanzkrise ab 2007 häufig auf militärisches Vokabular zurückgegriffen. Da wird dann beispielsweise bei der Beschreibung eines Krisenprogramms der Europäischen Zentralbank (EZB) – hier beispielsweise in der Welt – davon gesprochen, dass eine Bazooka herausgeholt worden sei. Dann wird typischerweise auch betont, dass die Munition damit noch längst nicht ausgegangen sei.

Beim Einsatz militärischer Waffen ist immer damit zu rechnen, dass es zu Kollateralschäden kommt, also dass auch etwas zerstört wird, was man eigentlich erhalten wollte. Sind bei den jüngsten Einsätzen der Notenbanken Kollateralschäden zu erwarten?

Spätestens seit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 ist klar, dass es „systemrelevante“ Banken gibt, deren Zahlungsunfähigkeit auf jeden Fall verhindert werden muss (too big to fail). In der aktuellen Situation wird aber klar, dass es nicht nur Banken gibt, die systemrelevant sind, sondern auch andere Unternehmen: Fluggesellschaften, Hersteller von Flugzeugen, Automobilen, Sportartikeln etc., aber auch zusammen betrachtet kleine Einzelhandelsgeschäfte und Gastronomiebetriebe. Nicht zuletzt ist von entscheidender Bedeutung, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher weiter willens und in der Lage sind, Geld auszugeben.

Die Notenbanken können – durch mit den Regierungen und Parlamenten abgestimmte Aktionen – durchaus dafür sorgen, dass allen oben Genannten das Geld nicht ausgeht. Sie können es Ihnen zur Verfügung stellen, auch wenn es bisher gar nicht existierte – ohne größere Anstrengung.

Die unmittelbare Folge ist aber natürlich, dass es plötzlich viel mehr Geld gibt als vorher. In der Bilanz der Notenbanken stehen enorme Guthaben, denen irgendwo anders neue Schulden gegenüberstehen – vor allem in den Büchern der Staaten.

Das stört aber zunächst möglicherweise kaum jemanden. Es wird zwar schon seit Jahrzehnten lamentiert, dass die Staatsschulden zu hoch seien, aber sie sind auf der ganzen Welt trotzdem weiter angestiegen, ohne allgemein erkennbare, negative Konsequenzen – von einzelnen Ausnahmefällen wie Griechenland abgesehen.

Ein Nebeneffekt ist jedoch, dass die Ungleichheit in der Verteilung von Einkommen und Vermögen weiter deutlich steigt. Letztlich sichert das Eingreifen der Notenbanken insbesondere auch die Kapitaleinkünfte – Zinsen, Dividenden, Mieten etc. – und es verhindert eine größere Pleitewelle bei Unternehmen, privaten Schuldnern und ganzen Staaten, die bei deren Anteilseignern und Gläubigern einen erheblichen Abschreibungsbedarf erzeugen würden.

Die Staaten müssen jedenfalls in Zukunft immer mehr Schulden aufnehmen, um ihre laufenden Ausgaben zu finanzieren und um fällig werdende Kredite abzulösen. Bei hohen Zinssätzen wäre das für fast keinen Staat mehr zu stemmen. Die Notenbanken können und müssen also dafür sorgen, dass die Zinsen niedrig bleiben oder sogar im negativen Bereich liegen. Tatsächlich könnten sie im Extremfall (auch wenn sie es zur Zeit nicht dürfen) sogar alle Staatsschulden aufkaufen und vernichten, so dass dann also plötzlich alle Staaten schuldenfrei dastehen würden. Das wäre, um im Bild zu bleiben, die nukleare Option, die Atombombe.

Wie auch immer sich die Notenbanken verhalten – das Vertrauen in den Wert des Geldes kann bei solchen Aktionen nicht unbeschadet bleiben. Dieses Vertrauen ist aber die Basis unseres Wirtschaftssystems, und es ist gerade die Kernaufgabe der Notenbanken, dieses Vertrauen zu stärken. Insofern gefährden die Kollateralschäden beim Waffeneinsatz der Notenbanken direkt die eigentliche Mission – wie das in Kriegen nicht selten der Fall ist.

Wenn man – wie ich – der Überzeugung ist, dass die Bedeutung von Geld in unserer Gesellschaft überschätzt wird, dann kann man in der absehbaren Entwicklung aber durchaus die Chance für eine Wende zum Besseren sehen.

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